Was ist Soziale Phobie?
Soziale Phobie ist eine Angststörung. Menschen mit Sozialer Phobie leiden unter starken Ängsten in und vor zwischenmenschlichen Situationen und erleben sich selbst anderen Menschen gegenüber oft als minderwertig, peinlich oder nicht liebenswert.
Soziale Phobie kann in jedem Lebensalter auftreten und sich auf einen oder wenige Lebensbereiche beziehen oder mehr oder weniger den gesamten Alltag der Betroffenen beeinflussen.
Zu den Folgen Sozialer Phobie zählen:
- verminderte Lebensqualität
- hohe innere Anspannung und dadurch geringere Belastbarkeit
- Isolation, Einsamkeit
- ungewolltes Singledasein (insbesondere bei Männern)
- unvollständige Entwicklung eigener Leistungs- und Gestaltungspotentiale
- erhöhte Arbeitsfehltage und Frühberentung
- sekundäre Abhängigkeit von Alkohol, Medikamenten usw.
- Depressionen

Zahlen:
In der medizinischen Fachliteratur finden sich Angaben bis 11 % der Bevölkerung, die in einer Phase ihres Lebens von Sozialer Phobie betroffen sind.
Betrachtet man den Zeitraum eines Jahres, so leiden ca. 3,4 % der Bevölkerung akut an Sozialer Phobie. Das sind in Deutschland zurzeit ca. 3 Millionen Menschen.
Unbehandelt besteht die Tendenz, dass die Soziale Phobie chronisch wird, sich auf weitere Lebensbereiche ausdehnt (Generalisierung) und zu einem prägenden Faktor der Lebensgestaltung wird. Wie bei den meisten Problemen und Erkrankungen gilt auch bei der Sozialen Phobie, dass eine frühe Erkennung und wirksame Gegensteuerung und Hilfe sehr viel wirksamer sind als Therapien und Maßnahmen nach jahrzehntelanger Chronifizierung. Noch wirksamer als eine frühe Intervention ist allerdings der Gedanke der Vorbeugung, der Prävention.
Ein kleiner Selbst-Test:
- Bereitet es Ihnen Angst zu telefonieren, zu schreiben oder zu essen, wenn andere Ihnen dabei zusehen?
- Haben Sie große Probleme, Gespräche mit Autoritätspersonen zu führen?
- Leiden Sie in solchen Situationen unter Symptomen wie Schwitzen, Zittern, Schwindell, Erröten o.a.?
- Fällt es Ihnen deutlich schwer, zu einer Gruppe von Menschen dazuzustoßen?
- Vermeiden Sie es regelmäßig, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen?
- Haben Sie starke Angst, mit unbekannten Menschen zu reden?
- Fürchten Sie sehr, sich in der Öffentlichkeit durch ungeschicktes Benehmen lächerlich zu machen?
- Bereitet es Ihnen erhebliche Schwierigkeiten, anderen, die Sie kaum kennen, eine abweichende Meinung kundzutun?
- Fällt es Ihnen schwer, anderen direkt in die Augen zu schauen?
- Ist es für Sie sehr belastend, in einem Geschäft etwas umzutauschen?
- Bereitet Ihnen die Vorstellung, eine eigene Feier zu geben (z.B. Geburtstag), große Probleme?
- Ist es für Sie sehr schwierig, eine Liebesbeziehung/Partnerschaft einzugehen?
Sollten Sie/du mehr als 3 Fragen eindeutig mit „ja“ beantworten, so kann dies ein Hinweis sein, dass das Thema Soziale Phobie für Sie/dich von Bedeutung ist.
Soziale Phobie
Folgende Kriterien sind bei der Diagnosestellung „Soziale Phobie“ von Bedeutung (in Anlehnung an die Diagnosemanuale ICD-10 und DSM-IV):
Die Soziale Phobie gehört zum psychischen Störungsbild der Angsterkrankungen.
I. Unter Sozialer Phobie versteht man Angsterleben in und vor zwischenmenschlichen Situationen und Leistungssituationen – seit mindestens einem halben Jahr – in einem Umfang und in einer Häufigkeit, dass das Wohlbefinden in einem ganz erheblichen Maße „gestört“ ist.
Anmerkung: Für die Diagnose Soziale Phobie ist wichtig, dass es sich um ein starkes Angsterleben handelt, welches das Verhalten oder die Lebensführung in bestimmten Bereichen erheblich beeinträchtigt. Es tritt sowohl in den Situationen auf, als auch als Vor-Befürchtung, und klingt nach den Situationen nur langsam ab. Es kann sich auf das Miteinander in der Öffentlichkeit, Schule und Beruf beziehen, oder/und auf den privaten Bereich, auf Freundschaften und Beziehung.
II. Im Vergleich mit dem Bevölkerungsdurchschnitt ist das Angsterleben in den betreffenden Situationen stark erhöht.
Es ist schwerlich möglich, Ängste nach einem absoluten Maßstab zu bemessen. Daher wird das Angsterleben von Betroffenen mit dem des Bevölkerungsdurchschnitts vergleichen, in Bezug auf die speziellen Situationen. Die Unterscheidung zwischen „rationalen“ und „irrationalen“ Ängsten ist äußerst fragwürdig, da Gefühle, im Gegensatz zu Gedanken, weder rational noch irrational sind.
III. Der Betroffene empfindet und befürchtet im zwischenmenschlichen Miteinander ausgeprägte und anhaltende Gefühle von Angst, aber auch Scham, Schuld und auch Wut.
Dieses Erleben ist häufig verbunden mit konkreten Vorstellungen, von anderen als „minderwertig“, „nicht liebenswert“, „merkwürdig“, „lächerlich“ oder leistungsschwach bewertet zu werden.
Es bedarf nicht grundsätzlich einer tatsächlichen oder befürchteten negativen äußeren Bewertung, da der Betroffene die negativ bewertende Instanz auch selbst darstellen kann.
IV. Auslöser sozialer Ängste können die Aufmerksamkeit anderer sein, eigenes als peinlich oder erniedrigend bewertetes Verhalten, die Wahrnehmung sichtbarer Symptome an sich selbst wie Erröten, Schwitzen, Schwindel oder Zittern, ebenso wie eigener Vergleich mit den anderen Menschen; bisweilen reicht einfaches Anwesend- und somit Sichtbarsein unter Menschen sowie die Erwartung oder Vorstellung derartiger Situationen.
Situationen mit besonderer Aufmerksamkeit sind z.B. Feiern, Partys, (öffentliches) Reden vor kleinen oder großen Gruppen. Diese Situationen sind für viele – aber nicht für alle – Betroffene angstbesetzt; für andere liegen die Schwierigkeiten mehr im privaten Freundes- und Beziehungsbereich. Die Maßstäbe, mit denen Betroffene ihr Verhalten und ihre Leistung in sozialen Situationen bewerten, sind oft unangemessen überhöht bis perfektionistisch.
V. Auch wenn der Betroffene das Ausmaß seiner Befürchtungen als deutlich erhöht erkennt und oft auch „eigentlich“ als situationsunangemessen, so gelingt auf Grund der Stärke der Angst eine Distanzierung oder Kontrolle des Angsterlebens nur unzureichend.
Im Gegensatz zu Schüchternheit fällt auf, dass Betroffene bisweilen trotz mehrfach „gemeisterter Situation“ und Ausbleiben der befürchteten Abwertung und Peinlichkeit in einer erneuten Situation nur wenig in ihren Befürchtungen nachlassen; die Ängste haben eine hohe Beharrungstendenz.
VI. Auf Grund der Stärke der Befürchtungen ist es für den Betroffenen naheliegend, sich um Vermeidung angstauslösender Situationen zu bemühen.
Begrenzt sich das Angsterleben nur auf einige, wenige soziale Situationen, so spricht man von einem nicht-generalisierten Subtyp, anderenfalls von einem generalisierten Subtyp Sozialer Phobie. Die Abgrenzung des generalisierten Subtyps von der sog. ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung kann schwierig sein.
Grundsätzliche Problematik von Diagnosen im psychischen Bereich: Definitionen von psychischen Störungen oder Krankheitsbildern sind unentbehrlich für die Diagnostik und Therapie. Sie stellen ein Ordnungssystem dar. Der Komplexität und Individualität eines jeden Menschen können sie nicht gerecht werden. Der Einzelne „passt“ mit der eigenen Problematik nur mehr oder minder in eine solche „Schublade“. Auch viele andere Themenbereiche wirken auf das psychische Gesamtbefinden ein. Somit kann auch diese Definition nur ein Orientierungspunkt sein für einen Betroffenen auf der Suche nach mehr Verständnis über die eigene Problematik und Unterstützung in der persönlichen Weiterentwicklung.
